Glossar
Federated Learning of Cohorts (FLoC): Revolution oder Rückschritt für das digitale Targeting?
Federated Learning of Cohorts, kurz FLoC, war Googles viel diskutierter Versuch, das Online-Targeting zu revolutionieren – ohne auf klassische Third-Party-Cookies zurückzugreifen. Ziel war es, datenschutzfreundlicheres Nutzer-Tracking durch Kohortenbildung zu ermöglichen. Der Vorstoß stieß jedoch auf viel Kritik von Datenschützer:innen, Plattformanbietern und der Werbewirtschaft. Dennoch hat FLoC die Tür für neue Formen des „Privacy-first“-Marketings geöffnet. In diesem Glossarartikel erfährst du, was FLoC ist, wie es funktioniert, warum es (vorerst) gescheitert ist – und was seine Nachfolger wie die Topics API versprechen. Ein unverzichtbarer Überblick für alle, die in AdTech, Datenschutz oder digitales Marketing involviert sind.
Was ist Federated Learning of Cohorts? – Definition und Ursprung
Federated Learning of Cohorts (FLoC) war ein von Google entwickeltes Konzept, das eine datenschutzfreundlichere Alternative zum traditionellen Cookie-Tracking im Web darstellen sollte. Das Ziel: Nutzer:innen sollen nicht mehr individuell getrackt, sondern als Teil einer anonymen Kohorte kategorisiert werden, die ähnliche Surfverhalten aufweisen.
Definition & Funktionsweise
FLoC ist ein browserbasiertes Machine Learning-Modell, das das Surfverhalten einzelner Nutzer:innen lokal im Browser auswertet und diese auf Basis ihrer Interessen in eine Gruppe, eine sogenannte Kohorte, einteilt. Der Browser teilt nur die Kohorten-ID mit Websites – nicht aber die einzelnen Nutzeraktionen oder -daten.
- Keine Speicherung von persönlichen Daten auf Servern
- Kohorten bestehen aus mehreren Tausend Nutzern mit ähnlichem Surfverhalten
- Dient als Grundlage für personalisierte Werbung, ohne auf individuelle Nutzerprofile zurückzugreifen
Abgrenzung zu klassischen Cookies
| Merkmal | Third-Party Cookies | Federated Learning of Cohorts (FLoC) |
| Tracking-Ebene | Individuell | Gruppenzugehörigkeit (Kohorte) |
| Datenverarbeitung | Serverbasiert, cross-site | Lokal im Browser |
| Datenschutzrisiken | Hoch (Profilbildung, Datenhandel) | Geringer (anonyme Gruppenbildung) |
Technologische Herkunft & Zielsetzung
FLoC wurde 2021 im Rahmen von Googles Privacy Sandbox-Initiative vorgestellt. Die Technologie sollte:
- Werbetreibenden weiterhin zielgerichtete Kampagnen ermöglichen
- Den steigenden Anforderungen an den Datenschutz (z. B. DSGVO, ePrivacy) gerecht werden
- Eine Alternative zur blockierten Third-Party-Cookie-Nutzung bieten

Wie funktioniert FLoC technisch? – Ein Blick in die Kohorten-Logik
Die technische Grundlage von FLoC ist komplex, basiert jedoch auf einem nachvollziehbaren Prinzip: maschinelles Lernen im Browser, kombiniert mit kohortenbasierter Kategorisierung.
Kohortenbildung & Browser-Daten
Der Browser (vor allem Google Chrome) analysiert:
- den Verlauf besuchter Websites
- die Nutzungshäufigkeit bestimmter Themenkategorien
- daraus resultierende Verhaltensmuster
Diese Daten werden in einem Algorithmus (z. B. SimHash) verarbeitet, der eine Kohorten-ID generiert. Nutzer mit ähnlichem Online-Verhalten erhalten die gleiche ID.
Machine Learning im Browser
Statt zentrale Server mit Trackingdaten zu versorgen, findet die Verarbeitung lokal statt. Das nennt man Federated Learning – also verteiltes Lernen, bei dem der Browser als Lernmaschine agiert.
- Der Algorithmus „lernt“ auf Millionen Geräten parallel
- Aggregierte Ergebnisse verbessern das Modell global, ohne dass Rohdaten geteilt werden
- Das Modell wird regelmäßig aktualisiert, um neue Verhaltensmuster zu erkennen
Google Chrome als zentrale Plattform
- FLoC wurde ausschließlich über Google Chrome getestet
- Die Browser-Engine ist essenziell für Datenerhebung & -verarbeitung
- Andere Browser wie Firefox, Safari oder Brave lehnten eine FLoC-Integration strikt ab

Welche Datenschutzbedenken gibt es bei FLoC?
Trotz der vermeintlich besseren Privatsphäre stieß FLoC von Beginn an auf massive Kritik von Datenschutzorganisationen, Entwickler:innen und Regulierungsbehörden.
DSGVO-Kompatibilität
Einer der größten Streitpunkte war die Frage, ob FLoC mit europäischen Datenschutzstandards vereinbar sei:
- Es erfolgt eine Profilbildung, wenn auch anonymisiert
- Die Erstellung der Kohorten geschieht ohne explizite Zustimmung
- Es fehlt an Transparenz: Nutzer wissen nicht, in welcher Kohorte sie sind
Die DSGVO verlangt informierte Einwilligung für jegliche Art der Verarbeitung von personenbezogenen (oder verhaltensbasierten) Daten – was bei FLoC in vielen Punkten fragwürdig blieb.
Kritik von Datenschützern & NGOs
Organisationen wie EFF (Electronic Frontier Foundation) oder Mozilla kritisierten FLoC scharf:
- Gefahr von Diskriminierung oder Stigmatisierung durch Gruppenzuordnung
- Möglichkeit des Fingerprintings durch Kombination von Kohorte und anderen Browsermerkmalen
- Mangelnde Kontrolle und Transparenz für Endnutzer:innen
Vergleich mit Privacy Sandbox
FLoC war nur ein Teil von Googles größerer Privacy Sandbox-Initiative, die weitere Module wie die Topics API oder Fenced Frames umfasst. Während viele dieser Komponenten auf Akzeptanz stießen, wurde FLoC bereits 2022 eingestellt.

Was sind die wichtigsten Alternativen zu FLoC?
Da FLoC bereits kurz nach seiner Einführung wieder eingestellt wurde, stellt sich die Frage: Welche Lösungen für cookieloses Targeting gibt es stattdessen? Tatsächlich existieren inzwischen mehrere Privacy-first-Alternativen, die sich in Technologie, Akzeptanz und Anwendungsbereich unterscheiden.
Topics API (Googles offizieller FLoC-Nachfolger)
- Topics API ersetzt FLoC innerhalb der Privacy Sandbox
- Nutzerinteressen werden nicht in Kohorten, sondern als konkrete Themen („Topics“) pro Woche gespeichert
- Nur drei Themen werden an Publisher übermittelt – auf Basis der letzten 3 Wochen Surfverhalten
- Mehr Transparenz & Kontrolle für Nutzer (z. B. Einsehen und Abwählen von Topics möglich)
Contextual Advertising
- Zielgruppenansprache nicht durch Nutzerdaten, sondern durch den Inhalt der Seite selbst
- Beispiel: Werbeanzeigen zu „Wanderschuhen“ auf einer Outdoor-Blogseite
- Keine User-Daten nötig, daher sehr datenschutzkonform
Unified ID 2.0, ID5 & weitere Identifier
- Anbieterunabhängige Login-basierte Identifier
- Ziel: First-Party-Daten als Tracking-Basis etablieren
- Im Gegensatz zu FLoC basiert dieser Ansatz auf Nutzerzustimmung (Opt-in) und transparenter Verwaltung

Wie beeinflusst FLoC das digitale Marketing?
Auch wenn FLoC selbst nicht durchgesetzt wurde, hat es die Diskussion um Datenschutz und Targeting nachhaltig verändert. Die Auswirkungen auf das Online-Marketing waren und sind erheblich.
Zielgruppen-Targeting mit Kohorten
- FLoC hätte die Umstellung auf ein kohortenbasiertes Targeting-Modell bedeutet
- Anstelle individueller Profile hätten Advertiser mit statistischen Interessenclustern gearbeitet
- Das erforderte neue Strategien: weniger Personalisierung, mehr kontextuelle Aussteuerung
Auswirkungen auf Retargeting & Personalisierung
- Klassisches Retargeting wäre mit FLoC nur noch eingeschränkt möglich gewesen
- Kohorten erlauben interessenbasiertes Targeting, aber kein Tracking einzelner Warenkorbabbrecher
- Für dynamisches Remarketing wären zusätzliche technische Lösungen nötig gewesen
Vorteile & Herausforderungen für Werbetreibende
| Vorteil | Herausforderung |
| Datenschutzfreundlicher | Eingeschränkte Granularität im Targeting |
| Keine Drittanbieter-Cookies | Neue Tracking-Infrastruktur erforderlich |
| Kompatibel mit Chrome (theoretisch) | Geringe Akzeptanz bei anderen Browsern |

Welche Anbieter unterstützen oder blockieren FLoC?
Die Akzeptanz von FLoC war in der Tech-Welt hochgradig polarisiert. Während Google es entwickelte, reagierten andere Akteure mit deutlicher Zurückhaltung oder Ablehnung.
Google Chrome Support
- Google war einziger Anbieter, der FLoC implementierte (Testphasen in Chrome ab Version 89)
- Integration über die Privacy Sandbox mit aktivem Opt-in in den DevTools
- FLoC wurde niemals vollständig ausgerollt – nur A/B-Test in ausgewählten Regionen
Ablehnung durch Firefox, Safari & Brave
- Mozilla (Firefox): „FLoC bietet keinen ausreichenden Datenschutzgewinn“
- Apple (Safari): „Fokus auf Tracking Prevention, FLoC steht dem entgegen“
- Brave: Lehnte FLoC öffentlich als „gefährlich“ ab
- Auch Vivaldi und DuckDuckGo blockierten FLoC aktiv oder standardmäßig
Auswirkungen auf das Ökosystem
- Geringe Cross-Browser-Kompatibilität führte zu fehlender Standardisierung
- Werbetreibende hätten unterschiedliche Strategien je Browser entwickeln müssen
- Dies war ein maßgeblicher Grund für das Scheitern von FLoC

Wie wird FLoC technisch implementiert? – API und Tools
FLoC wurde als Teil von Googles Privacy Sandbox entwickelt und sollte über eine eigene Programmierschnittstelle (API) integriert werden. Diese API war die Brücke zwischen dem Browser (z. B. Chrome) und den Werbediensten.
Nutzung der FLoC API
- Die API gab Zugriff auf die Kohorten-ID eines Browsers
- Entwickler konnten diese ID nutzen, um zielgerichtete Anzeigeninhalte auszuliefern
- Die ID wurde nicht direkt mit persönlichen Informationen verknüpft, sondern nur als Proxy für Interessen
javascript
KopierenBearbeiten
if (‚interestCohort‘ in document) {
document.interestCohort().then(cohort => {
console.log(„Cohort ID:“, cohort.id);
});
}
Beispiel-Codes & Libraries
- Es entstanden mehrere Open-Source-Projekte, die FLoC testweise integrierten
- Libraries wie floc-client.js halfen bei der Auswertung & dem Debugging
- Problem: Die Kohorten-Logik war nicht nachvollziehbar, da Googles Algorithmus (z. B. SimHash) proprietär war
Testing & Debugging Tools
- Die Chrome DevTools enthielten zeitweise einen FLoC-Debug-Modus
- Entwickler konnten so testen, welcher Kohorte ihr Browser zugeordnet wurde
- Aufgrund der fehlenden Transparenz war die Validierung aber eingeschränkt

Ist FLoC mit Datenschutzrechten und Ethik vereinbar?
Diese Frage war zentral für die Ablehnung von FLoC. Denn auch wenn personenbezogene Daten nicht direkt übertragen wurden, blieben datenschutzrechtliche und ethische Risiken bestehen.
Einwilligungspflicht vs. lokale Verarbeitung
- FLoC nutzte lokale Datenverarbeitung und wollte sich so um das Einwilligungserfordernis herum bewegen
- Viele Datenschützer argumentierten, dass bereits das Auslesen des Surfverhaltens zustimmungspflichtig sei
- Ohne transparente Information und kontrollierbare Opt-outs sei kein DSGVO-konformer Einsatz möglich
Rechtliche Grauzonen
- FLoC befand sich im rechtlichen Niemandsland:
- Es war kein klassisches Cookie
- Es war auch kein reines First-Party-Verfahren
- Es war kein klassisches Cookie
- Regulierungsbehörden in der EU äußerten früh Bedenken zur Vereinbarkeit mit der ePrivacy-Richtlinie
Ethik der Nutzerprofilierung
- Die Zuweisung zu Kohorten auf Basis von Surfverhalten konnte zu Diskriminierung führen
- Beispiel: Kohorte mit erhöhtem Interesse an Finanzthemen = riskante Kreditwerbung?
- Nutzer:innen hatten keine Möglichkeit, ihre Kohortenzugehörigkeit zu beeinflussen

Wie geht es mit FLoC weiter? – Zukunft und Nachfolger
Im Januar 2022 erklärte Google FLoC offiziell für beendet. Doch das Thema Privacy-first Advertising ist damit keineswegs abgeschlossen.
Einstellung von FLoC & Umstieg auf Topics API
- FLoC wurde nach den Testphasen nicht weiterverfolgt
- Stattdessen wird seit 2022 die Topics API in Chrome eingeführt
- Vorteil: Mehr Transparenz und Nutzerkontrolle, geringeres Diskriminierungsrisiko
Marktentwicklung & AdTech-Reaktionen
- Die Werbeindustrie beobachtet aufmerksam die Entwicklung
- Viele setzen auf Hybrid-Ansätze: First-Party-Daten, Contextual Ads und Privacy Sandbox
- Google Ads hat sich langfristig auf die Sandbox eingestellt, andere Anbieter bleiben skeptisch
Bedeutung in einer cookielosen Zukunft
- Der Abschied von Third-Party-Cookies ist beschlossen (in Chrome ab 2025)
- Lösungen wie Topics API, Contextual Targeting und Consent-First-Tracking werden künftig dominieren
- FLoC war der erste große Testlauf – mit vielen Learnings für alle Marktteilnehmer

Wie wurde FLoC in der Praxis bewertet? – Stimmen & Cases
FLoC spaltete die Branche – manche sahen eine Chance für datenschutzfreundliche Werbung, andere einen Rückschritt für digitale Selbstbestimmung.
Reaktionen aus Werbebranche & Publishern
- Werbenetzwerke wie Criteo, The Trade Desk & MediaMath übten deutliche Kritik
- Publisher befürchteten Kontrollverlust über Targeting
- Einige testeten FLoC – mit gemischten Resultaten und kaum Mehrwert gegenüber bestehenden Systemen
Erfolgs- & Misserfolgsbeispiele
- Ein US-amerikanisches Nachrichtenportal verzeichnete höhere Bounce Rates mit FLoC-Targeting
- Ein AdTech-Startup konnte leichte CPC-Senkungen bei Kohorten-Ausspielung feststellen
- In der Summe jedoch: kein Durchbruch, zu viele Unsicherheiten
Pilotprojekte & Fallstudien
- Die meisten FLoC-Testpartner zogen sich nach wenigen Monaten zurück
- Kaum dokumentierte Fallstudien → mangelnde Transparenz
- Heute gelten viele Erkenntnisse aus FLoC als Basis für die Bewertung neuer Sandbox-Technologien

🚀 Was du aus FLoC für die Zukunft lernen solltest
FLoC ist Geschichte – aber seine Entstehung, Diskussion und Ablehnung bieten wertvolle Erkenntnisse für die digitale Zukunft:
✅ Was du jetzt tun solltest:
- Verfolge die Entwicklungen in der Privacy Sandbox (z. B. Topics API, Protected Audience)
- Stärke deine First-Party-Datenstrategie → Consent, CRM, Login
- Implementiere contextual targeting und semantische Segmentierung
- Beobachte regulatorische Entwicklungen in der EU und global
- Betrachte Datenschutz als Chance für nachhaltiges Vertrauen und Markenwert
Fazit: FLoC war ein mutiger, aber unausgereifter Versuch. Wer jetzt in transparente, datensparsame und nutzerzentrierte Lösungen investiert, gewinnt langfristig – bei Nutzern wie in der Suchmaschine.